第62回ドイツ文化ゼミナール開催のご案内



 第62回ドイツ文化ゼミナールをドイツ学術交流会(DAAD)との共催で,下記のとおり開催いたします。発表・討議はドイツ語で行います。



: Die Phantastische Literatur(詳細は下記のThemenbeschreibungを参照)
招待講師: ハンス・リヒャルト・ブリットナッハー教授(ベルリン自由大学)
: 2020年3月15日(日)− 20日(金)
: リゾートホテル蓼科(旧アートランドホテル蓼科)
http://resort-hotel-tateshina.jp
: 45,000円程度(学生・院生・非常勤職の方には参加費補助があります)
: 45名程度
申込締切: 2019年10月20日(日)
 参加ご希望の方は2019年10月20日(日)までに, Eメールか葉書で日本独文学会にお申し込みください。
1. Eメールの場合:下記の申込フォームをダウンロードし、必要項目をご記入の上、メールに添付して kulturseminar62[at-mark]jgg.jp にご送付ください。
⇒【申込フォーム(Anmeldeformular_62.xlsx
 フォームが開けない場合は次のリンクから: https://www.dropbox.com/s/81x65nep82pg2rr/Anmeldeformular_62.xlsx?dl=0

2. 葉書の場合:裏面に「文化ゼミ参加希望」と朱書の上,氏名,所属機関,現職(参加費補助の関係上,学生・院生および常勤職のない方はその旨を明記),住所(漢字・ローマ字併記),電話番号,メールアドレスを次の宛先にご送付ください:
 〒170-0005 東京都豊島区南大塚3-34-6 南大塚エースビル603 日本独文学会

日本独文学会会員以外の方が申し込む際は日本独文学会会員(学生・院生の場合は指導教員)の紹介が必要です。紹介者の氏名をお知らせください。また他に略歴,参加希望理由(400字程度),業績リスト(研究業績がある方)を申し込み時に提出してください。非学会員の参加費は55,000円です。
 なお,参加は原則として申し込み順に受け付けますが,最終的な選考は理事会にお任せください。

研究発表希望:ドイツ語による30分程度の発表を希望される方は,題目および要旨(独文400語以内)に簡単な履歴を添えて,2019年10月20日(日)までに実行委員会(kulturseminar62[at-mark]jgg.jp)にお申し出ください。なお,発表者の決定は実行委員会に御一任願います。

実行委員会は,すべての参加者に快適な学会滞在と,実りある学術的な議論を可能にする生産的な研究環境を整えるために努力します。これらはいうまでもなく参加者相互の敬意と信頼の上に成り立つものです。文化ゼミナールはそれゆえ,いかなる言葉による嫌がらせも,性的ハラスメントも,参加者個人の人格を毀損するような言動も許しません。


日本独文学会・ドイツ文化ゼミナール実行委員会
磯崎康太郎桑原 聡(委員長)下薗りさ森口大地若山真理子
Marcus ConradManuela Sato-Prinz(DAAD)Eberhard ScheiffeleThomas Schwarz



Themenbeschreibung: Die Phantastische Literatur

Die Diskussion über die Phantastik hat bislang zu keiner genauen Klärung dieses Begriffs geführt. Die Forschung nimmt vier Konjunkturen des Phantastischen an. Die erste wurde im 18. Jahrhundert durch die Wiederentdeckung des Wunderbaren ausgelöst und manifestierte sich auch im Schauerroman. Es folgten Hochphasen in der Romantik und in der Literatur der Jahrhundertwende. Eine Wiederbelebung des Phantastischen, das denkbar und erkennbar Unmögliches erzählt, setzte in den 1970er Jahren ein.
Konstitutiv für das Phantastische scheinen jedenfalls die folgenden Aspekte zu sein.

1. Der Aspekt Störung
Texte werden als phantastisch charakterisiert, wenn sie von einer Störung erzählen, die fundamentale Krisen produziert. Der widersinnige oder übernatürliche Stellenwert der Störung und die Hilflosigkeit der Betroffenen führen dazu, dass sie diese Störung nicht als eine Facette von Normalität begreifen können. Der Protagonist sieht sich einer Art „Riss in der Welt“ (Roger Caillois) gegenüber.

2. Der Aspekt Ordnungskonflikt
Im Zentrum von phantastischen Narrationen steht der Konflikt zwischen einer rationalen, raumzeitlich organisierten, weitgehend anerkannten Ordnung und einer anderen kontingenten Welt, deren Ursprung, Einrichtung und Verfasstheit. Die Störung greift so stark in den Gang der Dinge und das Leben der Menschen ein, dass eine Lösung des Konflikts mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr möglich ist. Phantastik bedeutet demzufolge eine grundsätzliche Irritation oder gar eine Erosion des common sense. Dieser Konflikt führt dazu, dass die vertraute Welt hinterfragt, die Möglichkeiten von Erkenntnis bezweifelt und moralische Traditionen relativiert werden.

3. Der Aspekt Literarische Inszenierung der Phantastik zwischen Tradition und Innovation
Um dem Einbruch des Phantastischen Plausibilität zu verleihen, wird die Welt, in der das Phantastische sich ereignet, häufig auf eher traditionelle Weise dargestellt. Das phantastische Ereignis entfaltet dann seine irritierende Kraft vor dem Hintergrund einer realistisch geschilderten, wiedererkennbaren Welt. Andererseits zeichnen sich v.a. Texte der klassischen Moderne gerade dadurch aus, dass sie mit ihrer avantgardistischen Schreibweise von den Normen erzählerischer Kohärenz erheblich abweichen.

4. Der Aspekt Phantastik und Moderne
Die Erfahrung einer skandalösen Abweichung beeinträchtigt nachhaltig epistemische Gewissheiten oder Konventionen des Denkens. Sie stellt die Gewissheit einer vermeintlich selbstverständlichen Identität des Menschen in Frage. Es hat den Anschein, als ob die zunehmend komplexer werdende moderne Welt auch eine erhöhte Anfälligkeit für die Suggestionen des Phantastischen provoziert. Zumal der rasante Fortschritt in Disziplinen wie der Medizin (Transplantationschirurgie / Regenerative Medizin), der Biotechnologie (Genforschung / Genmanipulation) oder der Erforschung der Artificial Intelligence produziert Situationen der Überforderung, die von der phantastischen Literatur gerne produktiv besetzt werden. Das hat zu der Kritik geführt, die Phantastik favorisiere ein vormodernes Denken, das seine Attraktivität aus der Zuverlässigkeit archaischer, vorrationaler und religiöser Denkmodelle bezieht. Sie biete sich als Zuflucht vor den Auflösungserscheinungen und Konflikten unserer Zeit an.

5. Der Aspekt Phantastik und Macht
Die Berufung auf konservative Instanzen wie Gemeinschaft und Religion gehört nicht zwingend ins Repertoire phantastischer Erzählstrategien, da es bei dem phantastischen Ordnungskonflikt auch um eine Kritik an der Definitionsmacht einer normativen Rationalität geht. Gegen deren Diskurshoheit wird eine Macht anderer Art, ein anderes Denken und Wissen ins Spiel gebracht. Das Phantastische kann auch tendenziell subversiv wirken, insofern die binär codierten Leitbegriffe der Rationalität wie das Vernünftige und das Unvernünftige, das Lebendige und das Tote, das Reale und das Irreale, das Sichtbare und das Unsichtbare systematisch hinterfragt oder unterlaufen werden. Das Phantastische bezweifelt die Verbindlichkeit etablierter Denkmodelle und plädiert für einen innovativen, unkonventionellen und nonkonformistischen Zugang zu kognitiven oder moralischen Problemen. Schließlich fördert die Kritik an bestehenden Gesellschaftsnormen die Utopiebildung, die auch für die phantastische Literatur eine bedeutende Rolle spielt.

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Dieser Abriss dürfte den enormen literarischen und ästhetischen Reichtum des Begriffs Phantastik veranschaulichen, der im Zentrum des 62. Kulturseminars stehen soll. Die Unschärfe des Begriffs muss kein Defizit sein, sie kann sogar als Chance einer Anwendung auf ganz unterschiedliche literarische Texte dienen. Die besondere Leistung des Konzepts ergibt sich daraus, dass es Bilder und Narrationen für einen Zustand der Gefahr, der Bedrohung oder der Überforderung liefert, der mit traditionellen erzählerischen Mitteln kaum darzustellen ist. Fragen danach, ob ein Text zur Phantastik gehört oder nicht, paralysieren die Phantastik-Diskussion eher. Interessant hingegen sind die Veränderungen im Deutungshorizont eines Textes, sobald er phantastisch perspektiviert wird. In diesem Zusammenhang können auch Texte, die man zumeist in einem anderen kulturellen Kontext platziert, unversehens eine beachtliche phantastische Qualität erhalten.
Wir meinen, dass sich die Beschäftigung mit diesem auch im deutschsprachigen Kulturraum sehr beliebten Bereich der phantastischen Literatur ebenso für junge japanische Germanisten und ihre weitere wissenschaftliche Entwicklung als bereichernd herausstellen wird.
Bei der Auswahl der Texte stand deren spezifische Eignung für phantastische Ereignisse im Vordergrund, während zugleich darauf zu achten war, dass die Texte literaturhistorisch und stilistisch auch repräsentativ sind
Ausgewählt wurden zunächst auch Texte, die in Theoreme der Phantastik einführen. Sie sollen den Teilnehmern eine Vorstellung der Vielfalt phantastischer Literatur vermitteln. Im Zentrum der Kooperation in Arbeitsgruppen stehen in erster Linie literarische Texte, die analysiert und diskutiert werden sollen. Thematisch orientiert sich die Zusammenstellung an den folgenden vier Schwerpunkten.

a) Raum: In dieser Sektion geht es um heterotope Zimmer, Häuser, Schlösser, Städte, Landschaften wie Sümpfe und Inseln, aber auch Schiffe.

b) Zeit, vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Störungen: der Achronie, der ‚alternate history‘, des zeitlichen Ablaufs sowohl rückwärts als auch nach vorn.

c) Figuren: Im Mittelpunkt stehen hybride Figuren, Individuen oder Gruppen, die eine genuine Eignung zu phantastischen Narrationen besitzen, wenn sie in Heterotopien versetzt werden. Einbezogen werden soll auch die im Zuge der Post- und Transhumanität vielfach ventilierte Frage nach dem Status von Menschen und Natur.

d) Utopien: Der aktuelle Boom dystopischer Darstellungen in allen Medien ließe sich unter anderem auf eine Stimmung der Angst vor unabsehbaren und unberechenbaren globalen Entwicklungen zurückführen. In dieser Sektion ist etwa zu analysieren, wie diese Stimmung der Angst in der Literatur zum Ausdruck kommt. Zu Diskussion gestellt werden soll die Frage, welche Prozesse in der Gestaltung von Dystopien wirksam sind, um auf die Möglichkeit einer in ihnen angelegten Utopie zu verweisen. In diesem Zusammenhang könnte Theodor W. Adornos Aussage, dass das „Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen“, „Bedingung aller Wahrheit“ sei, für uns aufschlussreich sein.

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Herr Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher (geb. 1951) ist apl. Professor Emeritus für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin mit den Forschungsschwerpunkten: Phantastische Literatur und Intermedialität des Phantastischen; Literaturgeschichte der Goethezeit und des Fin de siècle; Außenseiter und Minderheiten in der Literatur, Zigeuner; Populärkultur.

Ab 1972 Studium der Germanistik in Marburg und Berlin, Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin (1983–1985), Lektor an der Universität Bari (1987–1989), 1994 Promotion, 2001 Habilitation, seit 2002 Oberassistent am Institut für deutsche und niederländische Philologie, 2006 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor, 2018 Eintritt in Ruhestand

Publikationen (in Auswahl)

Monographien
Leben auf der Grenze. Klischee und Faszination des Zigeunerbildes in Literatur und Künsten, Göttingen 2012. Erschöpfung und Gewalt. Opferphantasien in der Literatur des Fin de siècle, Köln 2000 [Habilitation]. Vom Zauber des Schreckens. Studien zur Phantastik und zum Horror, Wetzlar 1999.

(Mit)Herausgeberschaft
Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch, hrsg. von Hans Richard Brittnacher und Markus May, Stuttgart 2013.
'Gotteslästerung' und Glaubenskritik in der Literatur und den Künsten., hg. von Hans Richard Brittnacher und Thomas Koebner. Marburg: Schüren Verlag 2015.
Inseln (Projektionen. Studien zu Natur, Kultur und Film). München: edition text + kritik 2017.

Aufsätze
Dunkelmänner im Licht. Schillers Romanfragment "Der Geisterseher". In: Sabine Eickenrodt, Stephan Porombka, Susanne Scharnowski (Hrsg.): Übersetzen, Übertragen. Überreden. Festschrift für Klaus Laermann. Würzburg: Königshausen & Neumann 1999, S. 173-184. Sonnenopfer und Lichtgebet. Sonnenkult in Dekadenz und Jugendstil. In: Tumult. Schriften zur Verkehrswissenschaft Bd. 24: Der Sonnenkult. Bodenheim: Syndikat 1999, S. 88-100. Die Zeit des Zauberschlafs. Ein Motiv romantischer Erzählkunst bei Ludwig Tieck und Washington Irving. In: Athenäum. Jahrbuch für Romantik 12 (2002), S. 133-154. Die bleichen Geliebten. Die Darstellung des Vampirs in der englischen und amerikanischen Literatur. In: Thomas LeBlanc, Clemens Ruthner, Bettina Twrsnick (Hrsg.): Draculas Wiederkehr. Tagungsband 1997. Wetzlar 2003 (Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar Bd. 35), S. 84-105. Von Gondeln, Tod und Maskenspiel. Venedig als Schauplatz der phantastischen Literatur. In: Die phantastische Stadtr. Tagungsband 2002, hg. von Thomas Le Blanc und Bettina Twrsnick (Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar Band 76), Wetzlar 2005, S. 139-156. Der Horrorfilm – Katharsis der Subkultur? In: Grenzen der Katharsis in den modernen Künsten. Tagungsband. Hg. von Martin Vöhler und Dirk Linck. Berlin: De Gruyter 2009, S. 323-338. Totengespräche: Spiritismus im 19. und 20. Jahrhundert. In: Literatur und Religion. Konvergenzen und Divergenzen, hg. Richard Faber, Almut Barbara Renger. Würzburg 2017, S. 277-298. Unter die Zigeuner gefallen. Über ein Motiv der Abenteuerliteratur. In: Aventiure und Eskapade. Narrative des Abenteuerlichen vom Mittelalter zur Moderne, hg. Jutta Eming, Ralf Schlechtweg Jahn. Göttingen 2017, S. 119-136.