Japanische Gesellschaft für Germanistik
 
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トップ  >  2005年  >  Resümees des 4. Internationalen Kolloquiums 2005
Themenbeschreibung
Rituale des Verstehens – Verstehen der Rituale

Neben den rein sprachlichen, mündlich oder schriftlich vermittelten Kommunikations- formen regeln und ordnen seit alters her Rituale als weitere Kommunikationsart das gesellschaftliche Miteinander, ja sie beherrschen das menschliche Leben im Ganzen. Als frühe Kulturform erscheinen sie im Osten wie im Westen zunächst sakral gebunden und haben häufig initiatorische Funktion; im Mittelalter stellen sie noch ein zentrales Verfahren zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Ordnung dar, während die säkulare Gesellschaft zunehmend zur Entritualisierung tendiert oder dezidiert alternative Rituale formuliert.. Sie reichen von neu eingeführten rituellen Zeremonien in den politischen Praktiken der modernen Nationalstaaten über neue rituelle Bräuche im modernen Leben wie die Jugendweihe der DDR oder die Seijinshiki (Jungbürgerfeier) in Japan bis hin zu magischen Ritualen zeitgenössischer Esoterik, um nur einige Beispiele aus verschiedenen Bereichen zu nennen. In Ritualen scheint somit zugleich Vergangenes und Gegenwärtiges auf. Schließlich markieren Unterschiede im Status wie in der Reflexion von Ritualen innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft Differenzen, die gerade im Vergleich westlicher und östlicher Kulturen deutlich hervortreten.

Ist die Einweihung in das Ritual unabdinglich für dessen Verstehen, so geschieht dieses jedoch allein im Vollzug, in der Ausführung und Wiederholung des rituellen Akts. Rituale sind demnach weniger diskursiv als performativ bestimmt; ihrer unmittelbaren Präsenz wie ihrem Kontext kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Beide Faktoren wirken auch auf die Möglichkeiten und Grenzen des kulturellen Transfers von Ritualen. Demnach sind Rituale nur als Teil komplexerer diskursiver Zusammenhänge zu erfassen, die sie als Ordnung selbst mitkonstituieren; als sprachlich-gestische Mischformen sind sie Grundbestandteil jeder Kultur.

Das Vierte Internationale Kolloquium widmet sich gerade in der traditionsreichen Stadt Kyoto, die über tausend Jahre hinweg die verschiedensten Rituale gepflegt und variiert hat, der Konstitution und Wirkungsweise von Ritualen. Dabei sollen Überlegungen zu den Bedingungen und Möglichkeiten des Verstehens von Ritualen – gerade auch im interkulturellen Vergleich – im Zentrum des Interesses stehen. Von hier aus lässt sich schließlich auch die Frage formulieren, inwiefern der Akt des Verstehens selbst schon auf der Praxis des Rituals aufbaut bzw. durch ihn präformiert wird.

Folgende Themenbereiche sind denkbar:

I. Rituale und Ordnung: Rituale als Regelsystem; Wiederkehr, Wiederholung, Veränderbarkeit, Transfer von Ritualen; Ausübung von Macht durch Rituale in Herrschaftssystemen, aber auch bspw. zwischen den Geschlechtern, innerhalb sozialer oder kultureller Gruppen etc.; Rituale der Gewalt, des Schmerzes u. a.

II. Rituale und Kultur: Rituale als kulturelle „Einprägung“ (bspw. Th. Bernhard, Josef Winkler, Hubert Fichte); die kulturstiftende Funktion von Ritualen (bspw. antike Tragödie und No-Theater); gruppen- oder kulturspezifisches rituelles Verhalten; Geschichte ritueller Ausdrucksformen; Funktionswandel von Ritualen; neue Rituale im Medienzeitalter

III. Kommunikation durch Rituale: Die Sprache der Rituale – Sprache als Ritual; sprachliche Konventionen vs. sprachliche Rituale; Übersetzbarkeit von Ritualen im kulturellen Transfer; symbolische Kommunikation durch Rituale und rituelle Kommunikationspraxis

IV. Kommunikation von Ritualen: Kommunizierbarkeit von Ritualen bzw. Differenzerfahrungen im interkulturellen Austausch; Unterricht als Ritual; institutionalisierte Rituale im Unterricht; Vermittelbarkeit von kulturspezifischen Ritualen.


Programm
Erster Tag: 9. Oktober (Sonntag)
Eröffnung (10:00-11:00) Raum E
Eröffnungsrede des Präsidenten der JGG (10:00-10:05)
MATSUURA, Jun (Universität Tokyo)

Einführender Vortrag durch das Komitee (10:05-10:30)
IKEDA, Nobuo (Universität Tokyo)

Eröffnungsvortrag (10:30-11:00)
SOEFFNER, Hans-Georg (Universität Konstanz)
Rituale in pluralistischen Gesellschaften

 
Sektion A (11:05-12:45) Raum E
HASEGAWA, Etsuro (Waseda-Universität, Tokyo) (11:05-11:35)
Stehen und Sitzen im Theater. "Die Meistersinger von Nürnberg" im Spiegel der Geschichte des Theaterbaus

KELLETAT, Andreas (Universität Mainz) (11:40-12:10)
Bertolt Brecht als Dolmetscher japanischer Rituale

KERSTING, Ruth (Universität Trier)(12:15-12:55)
Poetologische Essays im Vergleich: Zum Zusammenhang von Selbstexotisierung und Ritual bei Botho Strauß und Yoko Tawada

Moderation:
HIRATA, Eiichiro (Keio-Universität, Tokyo)
IKEDA, Nobuo (Universität Tokyo)

Sektion B (11:05-12:45) Raum F
GÖRNER, Rüdiger (Universität London) (11:05-11:35)
Prolegomena zu einer Ästhetik der Wiederholung

WASHINOSU, Yumiko (Kokushikan-Universität, Tokyo) (11:40-12:10)  
Über die Mode - Macht der Äußerlichkeit, die nicht äußerlich bleibt

CHOI, Yun-Young (Nationale Universität Seoul) (12:15-12:45)  
Phänomenologie und Bedeutungen des Schweigens in der koreanischen Kultur

Moderation:       
HIRANO, Yoshihiko (Universität Tokyo)
MANDELARTZ, Michael (Meiji-Universität, Tokyo)

Mittagspause (12:50-14:30)

Sektion C (14:30-17:45) Raum E
FOHRMANN, Jürgen: (Universität Bonn) (14:30-15:00)
Hermeneutische Rituale? Über Konzepte des Verstehens und ihre Beziehung zum Ritual

HATTORI, Seiji (Universität Gießen)(15:05-15:35)
„Vergleichen“ als ein Ritual des Verstehens aufgrund des Ähnlichkeitsdenkens. Überlegungen zu einer literaturwissenschaftlichen Verfahrensweise am Schnittpunkt von Hermeneutik, Dekonstruktivismus und Kulturwissenschaft

DUPPEL-TAKAYAMA, Mechthild (Keio-Universität, Tokyo)(15:40-16:10)
Ritualisiertes Nicht-Verstehen. Wissenschaftsstil und Textsorten in Japan und Deutschland

Kaffeepause (16:10-16:40)

HÖRISCH, Jochen (Universität Mannheim)(16:40-17:10)
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Zum Verhältnis von Ritualen und Realität

BEDNARSCH, Roland (Tamkang-Universität, Taipeh)(17:15-17:45)
Kommunikationsrituale und soziale Identität

Moderation:
IVANOVIC, Christine (Universität Tokyo, Tokyo)
HIROSAWA, Eriko (Meiji-Universität, Tokyo)

Sektion D (14:30-17:45) Raum F
STROHSCHNEIDER, Peter (Universität München) (14:30-15:00)
Rituale und Literatur in der höfischen Kultur des europäischen Mittelalters

KERN, Peter (Universität Bonn) (15:05-15:35)  
Blick-Kontakte in der mittelhochdeutschen Literatur

WITTKAMP, Robert (Kansai-Universität, Osaka) (15:40-16:10)
Zum Ritual in der waka-Dichtung

Kaffeepause (16:10-16:40)

ROCHE, Jörg (Universität München)(16:40-17:10)
Rituale des online-Lernens

OHTA, Tatsuya (Keio-Universität, Tokyo) (17:15-17:45)
Verstehensrituale im Schreibunterricht. Was denkt der Lehrer, was macht der Lerner?

Moderation:
FURUSAWA, Yuko (Hitotsubashi-Universität, Tokyo)
HOSHII, Makiko (Waseda-Universität, Tokyo)

Empfang der JGG in der Heian-Kaikan (18:30-20:30)
Adresse: Karasumadôri-kamichôjamachi-agaru, kamigyôku – Tel: 075-432-6181

Zweiter Tag: 10. Oktober (Montag)
Sektion E (10:00-11:40) Raum E
OGAWA, Akio (Kwansei-Gakuin-Universität, Kobe) (10:00-10:30)
Wie fest sind die Rituale der „Fashions of Speaking“? Ein deutsch-japanischer Vergleich auf sprachtypologischer Grundlage

TANAKA, Shin (Universität Chiba)(10:35-11:05)
Hiermit erkläre ich Sie kraft Gesetzes für rechtmäßig verbundene Eheleute.“ Eine kontrastive Studie zum „rituellen“ Sprechakt

NEULAND, Eva (Bergische Universität Wuppertal) (11:10-11:40)
Alltagserzählungen als Rituale intersubjektiver Verständigung

Moderation:
SEINO, Tomoaki (Universität Chiba)
WATANABE, Manabu (Gakushuin-Universität, Tokyo)

Sektion F (10:00-11:40) Raum F
YAMAMOTO, Jun (Gijyutsu-Kagaku-Universität, Toyohashi) (10:00-10:30)
Von Aufklärung und Bann des Opfers im König Ödipus

BOLTERAUER, Alice (Universität Graz) (10:35-11:05)  
Rituelle Sinnstiftung bei Adalbert Stifter

ZHANG, Yi (Renmin-Universität China, Beijing) (11:10-11:40)  
Differenzen in der Reflexion von Ritualen – Ein Vergleich zwischen der chinesischen Verfilmung Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten vom Jahre 2004 und der amerikanisch-deutschen Verfilmung derselben Novelle vom Jahre 1948

Moderation:
IVANOVIC, Christine (Universität Tokyo)
MANDELARTZ, Michael (Meiji-Universität, Tokyo)
 

Abschlussdiskussion (11:45-12:15) Raum E



Ende des Internationalen Kolloquiums
 
Mittagspause (12:15-14:15)
Programme nach der Mittagspause finden außerhalb des Rahmens des 4. Internationalen Kolloqui-ums aber in der Zusammenarbeit von JGG und DAAD unter der Anwesenheit des DAAD-Beirats statt.

Verleihung des Grimm-Förderpreises (14:15-15:00) Raum A
 
Symposium (15:05-18:00) Raum A
Zum Thema: Perspektiven der Germanistik in Japan
 
Podiumsdiskussion mit fünf Kurzreferaten (15:05-16:20)
                    Kaffeepause (16:20-16:30)
Offene Diskussion (16:30-18:00)



Eröffnungsvorträge / Erster Tag:  9. Oktober 2005
Raum E (10:30-11:00)

Rituale in pluralistischen Gesellschaften
SOEFFNER, Hans-Georg (Universität Konstanz)

Erst Formung macht aus kollektiven Empfindungen und Ahnungen einen Glauben, der sich auf Dauer stellen läßt. Eine der Formen, auf die sich Glaube und gefestigte kollektive Überzeugungen stützen können, ist das Ritual. Es ist eine Aktionsform des Symbols, verlangt also Tätigkeit, wo andere Symbole ihre Kraft und Wirkung aus der fixierten Zeichengestalt ziehen. Rituale repräsentieren damit Ordnungen, die im Handeln immer erst und immer wieder hergestellt werden müssen. Sie formen und disziplinieren das Verhalten, machen es überschaubar und vorhersagbar und erlauben, daß wir uns nicht nur in Räumen sondern auch im Handeln ‚zuhause’ fühlen. – Gleichzeitig laden wir im rituellen Handeln Räume symbolisch auf.
Anders als Verhaltungsgewohnheiten und Routinen, die uns ebenfalls entlasten und Orientierungssicherheit suggerieren, erzeugen Rituale, versteckt oder deutlich sichtbar, die Aura des ‚Heiligen’. Sie sind – als Aktionsform des Symbols – wie dieses aktive Grenzziehungen zwischen einzelnen Individuen, einem Individuum und anderen Menschen, zwischen unterschiedlichen Gruppen und Gemeinschaften, aber auch zwischen einem bewußt gestalteten Image und der ‚puren’ äußeren Erscheinung einer Person , zwischen dem ‚Privaten’ und dem ‚Öffentlichen’, zwischen Meinung und Glauben, zwischen alltagspraktischem Handeln oder Routinen einerseits und andererseits einem Handeln, in dem sich die Achtung  vor dem eigenen Selbst, vor Mitmenschen, Dingen, Überzeugungen oder ‚der Welt’ „anzeigt“. Sie sind also Repräsentanten überhöhter oder als heilig dargestellter Ordnungen.  Aus diesem Grund traut man ihnen gegenwärtig wieder heilende = ordnungsstiftende Kräfte zu. Nachdem man sie in ‚aufgeklärten’ Gesellschaften – exemplarisch in der deutschen Nachkriegs-, besonders in der Nachachtundsechzigergesellschaft – für geraume Zeit als äußerliches, zwanghaftes, unaufrichtiges oder zumindest mechanisch-'unhinterfragtes' Verhalten gebrandmarkt hatte, kommen sie nun erneut zu Ehren. Sie teilen damit das gleiche Schicksal wie die Institutionen, die nach langer Ächtung wieder zu Hoffnungsträgern werden, zu Deichen gegen die Brandung der Anomie.
Aber allein die Eigenschaft, geordnet zu sein, macht aus rituell gestaltetem Handeln nicht in jedem Fall auch ein wünschbares Handeln. Allgemein läßt sich das Ritual charakterisieren  als eine spezifische Verknüpfung von symbolisierten Einzelhandlungen und Gesten in gleichbleibenden, vorstrukturierten, also intern geordneten Handlungsketten. Insofern lassen sich Rituale ‚lesen’ als die durch geordnetes Verhalten strukturierte Darbietung eines ‚Handlungstextes’. Metaphorisch (weiter)gesprochen: Der Formalismus rituellen Handelns kann als syntaktischer Rahmen einer in Handlungen gekleideten symbolischen Aussage verstanden werden.
Sich in rituellen Konventionen ‚richtig’ zu bewegen, verlangt daher von jedem einzelnen die Beherrschung der jeweiligen ‚rituellen Idiome’ (Goffman): die Kenntnis der Verknüpfung der unterschiedlichen Rituale nach gesellschaftlichen Spielregeln, nach den ‚Sprachspielen’, in denen Rituale einander zugeordnet sind. Damit wird erkennbar, woher die Sicherheit rührt, die Rituale zu vermitteln scheinen. Sie sind so etwas wie standardisierte, vorweg erlernte, und vorweg reagierende, oft kollektiv formalisierte Bewältigungsmechanismen für Bedrohliches oder Unbekanntes: Orientierungsvorgaben in unsicherem Gelände.
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Funktion von Ritualen als ordnungsstiftenden Elementen in pluralistischen Gesellschaften.



Sektion A (1) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum E (11:05-11:35)

Stehen und Sitzen im Theater. Die Meistersinger von Nürnberg im Spiegel der Geschichte des Theaterbaus
HASEGAWA, Etsuro (Waseda-Universität, Tokyo)

In Wagners „Komischer Oper in drei Akten“ Die Meistersinger von Nürnberg (Uraufführung 1868) geht es um die Aufnahme eines ehemaligen Ritters in die Zunft der Meistersinger. Die Initiationsrituale spielen sich im Rahmen eines jährlichen Volksfestes am Johannistag ab und sind mit dem traditionellen Komödienmotiv der Eheschließung des jungen Helden verbunden. Zum Meistertitel und zur Braut verhilft ihm zwar seine Kompetenz in der Gesangskunst, aber auch zwei antipodische Akte bzw. Stellungen des Stehens und Sitzens sind während des Handlungsablaufs von nicht geringerer Bedeutung. In der Bühnenanweisung kommen Verben wie „stehen“, „sitzen“, „aufstehen“, „sich erheben“, „sich setzen“ o. ä. häufig vor. Darüber hinaus findet z. B. im I. Akt eine „Sitzung“ der Meistersinger statt, im II. Akt trägt Beckmesser ein „Ständchen“ vor, im III. Akt steigt der Zeuge Walther von Stolzing vor Gericht auf die auf der Bühne errichtete „Singerbühne“ und darf und kann damit „auf eigenen Füssen stehen“. Dem Beruf des Schusters, den der Spielleiter des Dramas Hans Sachs hat, wird große und symbolische Bedeutung beigemessen.
Nicht nur auf der werkimmanenten Ebene, sondern auch auf der der Bühnenwirkung auf die Zuschauer läßt sich das Motiv des Stehens und Sitzens verfolgen, nicht zuletzt anhand des visuell und akustisch imposanten Chors des Volkes. An die ästhetische Diskussion um den Chor der griechischen Tragödie, die Schiller Anfang des 19. Jahrhunderts ausgelöst hat, schließen sich später Nietzsche und Wagner an. Diese drei stimmen darin überein, dass das griechische Publikum sich mit dem Chor in der Tragödie identifiziert hat. Obwohl Wagner die Rolle des griechischen Chors theoretisch mit dem Orchester identifiziert (Oper und Drama), trifft die Theorie des Leitmotivs nicht direkt auf Die Meistersinger von Nürnberg zu. In dieser komischen Oper ist der Chor als Repräsentant des Publikums auf der Bühne anwesend, und zwar als Gemeinde im Innern der Kirche (I. Akt), als Nachbar auf der Straße (II.Akt), als das am Fest teilnehmende Volk auf der Festwiese (III. Akt). Auch diese Schauplätze besitzen unter kultur- und theatergeschichtlichem Aspekt verschiedene Berührungspunkte mit Ritualen.



Sektion A (3) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum E (12:15-12:45)

Poetologische Essays im Vergleich: Zum Zusammenhang von Selbstexotisierung und Ritual bei Botho Strauß und Yoko Tawada
KERSTING, Ruth (Universität Mainz)

Poetologische Texte der Gegenwartsliteratur weisen überraschend häufig primitivistische oder exotistische Merkmale auf, d. h. die Autoren greifen auf Elemente zeitlich oder räumlich fremder Kulturen zurück. Dies gilt sowohl für den Essay Anschwellender Bockgesang (1993) von Botho Strauß als auch für die Poetikvorlesung Verwandlungen (1998) und den zugehörigen Text E-mail für japanische Gespenster (1998) von Yoko Tawada. In den ganz unterschiedlichen Essays, die vergleichend interpretiert werden, um die Spannbreite exotistischer Gestaltungsmöglichkeiten zu verdeutlichen, ist die Selbstexotisierung der Künstler auffällig verbunden mit Ausführungen zu Ritualen: Im Vortrag wird untersucht werden, wie sich die Künstler jeweils exotisieren, welche Verbindung sie zu den eingeführten Ritualen herstellen, welche argumentative Funktion diese erfüllen, und welche Aussagen über die Funktion der Kunst in der zeitgenössischen Gesellschaft jeweils damit verbunden sind. Einige erste Thesen lauten: Strauß inszeniert sich im Bocksgesang einerseits als Kritiker der postmodernen deutschen Gesellschaft nach 1989 und formuliert andererseits einen primitivistischen Gegenentwurf: Er inszeniert sich als antiker Seher, um zugleich die Rückkehr zu einem ‚archaisch-griechischen‘ Gewalt-Ritual, dem Menschenopfer, und der Tragödie propagieren zu können. Sein Ziel ist es, durch das Gründungsritual ‚tragisches‘ Bewusstsein und Sinn und Ordnung in der Gesellschaft wieder herzustellen. Letztlich plädiert Strauß für die Wiedereinsetzung der ‚wahren‘ Literatur und des männlichen Dichterphilosophen in eine behauptete angestammte Machtposition. Da das Menschenopfer argumentativ verbunden wird mit rechtsradikalen Gewalttaten gegen Ausländer Anfang der 90er Jahre in Deutschland, hat der Essay eine hitzige Debatte verursacht.
Yoko Tawada exotisiert sich hingegen in ihrer Poetikvorlesung ironisch als Vogelstimme und zugleich als Schamane bzw. Ornithologe. Durch diese paradoxe, rätselhafte Anlage ihrer Autorimago gibt sie dem Leser zu denken und bringt Dichotomien wie weiblich-männlich, japanisch-deutsch, Subjekt-Objekt in die Schwebe: Sie inszeniert sich als interkulturelle Autorin, ohne nationale Zugehörigkeiten zu essentialisieren, und setzt statt dessen auf eine Poetik der anhaltenden sprachlichen Verfremdung. Dabei spielen Rituale eine wichtige Rolle: zum einen konkret in ihrem Arbeitsalltag, zum zweiten als Vorstellungsmuster, wenn sie z. B. das Schreiben mit alphabetischen Buchstaben mit einer Teezeremonie vergleicht oder Literatur als fremdes, magisch-schamanistisches Übersetzungs-Ritual charakterisiert und zur Metapher für einen ‚anderen Zustand des Schreibens‘ macht.


Sektion B (5) / Erster Tag 9. Oktober 2005
Raum F (11:40-12:10)

Über die Mode - Macht der Äußerlichkeit, die nicht äußerlich bleibt
WASHINOSU, Yumiko (Kokushikan-Universität, Tokyo)

Die Mode schreibt Regeln vor, die zu befolgen von den Teilnehmern einer soziokulturellen Gruppe verlangt wird. Gleichzeitig festigt der wiederholende Vollzug der Regeln den Zusammenhalt einer Gruppe. Auf diese Weise wahrt die Mode Ordnung unter Gruppen, die durch Kategorien wie Gender, Klasse, Nationalität und Ethnizität sowie Alter jeweils bestimmt sind. Die Funktion der sozialen Praktiken der Mode erschöpft sich allerdings nicht in der Hervorbringung und Wahrung der Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Gruppen.
Judith Butler zufolge ist der menschliche Körper keine natürliche Substanz. Er wird als gendered body durch Praktiken der Wiederholung, durch unablässiges Zitieren der Regeln, durch Ausschluß und Verneinung von Alternativen, die als uneigentlich und unnatürlich gesetzt werden, konstruiert. Die Mode konstruiert als ein Regelsystem, das am Körper praktiziert wird, den Körper mit. Genau auf diesen Prozess der Körperkonstruktion richtet die genderorientierte Theorie der Mode (Valerie Steele, Anne Hollander) ihren Fokus. Dabei ist anzumerken, dass die konstruktivistische These insbesondere auch in Bezug auf die Kategorien der Nationalität und Ethnizität Gültigkeit hat.
Die Mode stiftet also auf zwei sich überlagernden Ebenen die gesellschaftliche Ordnung und wahrt sie zugleich: auf den Ebenen der soziokulturellen Gruppen (Körperschaften) und des einzelnen Körpers.
Auf der Basis dieser Befunde wird sich mein Beitrag mit der rituellen Funktion der Mode im japanischen Modernisierungsprozess (hier ca. 1870-1950) auseinandersetzen. In dieser Zeit des sozialen Wandels spielte die Mode eine wesentliche Rolle bei der Transformation der gesellschaftlichen Ordnung. Man denke z. B. an die Europäisierung des Erscheinungsbildes der kaiserlichen Familie und die Kleiderordnung für die Beamten in der Meiji-Ära, oder an das Bild des Modern Girl vor dem Hintergrund der zunehmenden Sichtbarkeit berufstätiger Frauen in den 1920er Jahren.
Folgende Fragen sollen dabei im Zentrum stehen:
Wie wurde die moderne Mode als Regelsystem konstituiert? Aus welchen Regeln bestand es? Wie wurden sie vermittelt?
Welche Praktiken sind zu erkennen?
Welche Ordnung mit welchen Gruppen und Körpern wurde durch die Mode gestiftet?
Waren die rituellen Regeln der Mode verschiebbar? Wenn ja, mit welchen Wirkungen?



Sektion B (6) / Erster Tag:   9. Oktober 2005 Raum F (12:15-12:45)

Phänomenologie und Bedeutungen des Schweigens in der koreanischen Kultur
Choi, Yun-Young (Nationale Universität Seoul , Südkorea)

Schweigen wird oft in einer Dichotomie zum Sprechen verstanden und charakterisiert auch die östliche Kultur im Gegensatz zum Westen. Seitdem Sprechen innerhalb der westlichen Kultur auf Logos oder Kultur insgesamt  oder auf Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums bezogen wird, ist das Schweigen in stärkerem Maß negativ konnotiert.
Obwohl Korea den Tendenzen der modernen globalisierten Welt folgt und man auch bei uns immer größeren Wert auf die Rede legt, kann man immer noch das Fortwirken der alten kulturellen Tradition feststellen, das Schweigen im wörtlichen oder metaphorischen Sinne positiv auszulegen. In dieser Sicht wird Schweigen sowohl als individuelle Tugend oder Reife als auch als selbstbeherrschtes kommunikatives Verhalten eines Weisen verstanden (Konfuzianismus). Darüber hinaus gewinnt es auch lebensphilosophischen und sozialphilosophischen Sinn, indem Schweigen als Ausdruck für eine absolute Einheit, die jegliche Art von Differenzen und Dualitäten des Lebens überwindet (Buddhismus), oder als Bezeichnung für den Ursprung und die Vervollkommung des Universums betrachtet wird (Taoismus), d. h., dass sich das Denken und die Praxis im Schweigen harmonisch treffen.
In meinem Referat wird anhand einiger Beispiele aus dem Alltag und anhand von Auszügen aus klassischen Schriften wie Lun Yu, Vimalakirti Suta und Tao-Te Ching konkret der Frage nachgegangen, wie tief Schweigen immer noch ein sinnstiftendes Element in der koreanischen Kultur ist und wie vielfältig und reichhaltig das Schweigen in der koreanischen Kultur zu schätzen und zu interpretieren ist.




Sektion C (8) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum E (15:05-15:35)

„Vergleichen“ als ein Ritual des Verstehens aufgrund des Ähnlichkeitsdenkens.
Überlegungen zu einer literaturwissenschaftlichen Verfahrensweise am Schnittpunkt von Hermeneutik, Dekonstruktivismus und Kulturwissenschaft
HATTORI, Seiji (Universität Gießen)

Seit alters her ist das „Vergleichen“ ein allgemein praktiziertes Verfahren der Literaturwissenschaft; eine seiner Erscheinungsformen ist die „Parallelstellenmethode“, die Peter Szondi zufolge „zu den ältesten Kunstgriffen der Hermeneutik“ seit dem 18. Jahrhundert gehört. Mit dieser Methode versucht man den Sinn eines Wortes im Text aufgrund anderer Stellen, in denen dasselbe Wort auftaucht, zu klären. Im weiteren Sinne stellt sie das allgemein verbreitete Verfahren dar, den Sachverhalt einer Stelle mit anderen, einen ähnlichen Sachverhalt enthaltenden Stellen (evtl. eines anderen Textes) in (motivischen) Zusammenhang zu bringen und so dessen Funktion und Bedeutung zu beleuchten.
Rituale spiegeln eigentlich die utopischen Wunschvorstellungen einer Gemeinschaft wider, um ihrer Orientierung und Disziplinierung zu dienen, die durch die Identität von Normativität und Normalität geschaffen werden sollen. Insofern läßt sich das „Vergleichen“ als ein geheimes Ritual des Verstehens in der literaturwissenschaftlichen Disziplin begreifen. Dieses Verfahren ist jedoch keine althergebrachte Konvention der gängigen Interpretationspraxis, sondern bewahrt seine Aktualität gewissermaßen im Geheimen, zumal es in der literaturwissenschaftlichen Landschaft der letzten Jahrzehnte immer wieder in neuem Gewand in Erscheinung getreten ist.
Beim Dekonstruktivismus schlägt es sich beispielsweise im verallgemeinerten „Text“-Begriff nieder, nach dem alles, in der grenzenlosen differentiellen Verweisung einer Spur auf die andere, als „Text“ aufzufassen ist, so nicht zuletzt in Derridas Konzept der „Aufpfropfung“ als Denkmodell für die Textlogik, die das Schreibverfahren mit Einfügungs- und Wucherungsstrategien verbindet.
In der gegenwärtigen Kulturwissenschaft artikuliert es sich etwa im Versuch, „Kultur als Text“ zu lesen, wobei Kultur als ein Netzwerk von „Texten“ aufgefaßt wird, die in Überschneidungen und Überlagerungen von verschiedenen Sinnbereichen innerhalb einer Gesellschaft sowie zwischen unterschiedlichen Kulturen verkörpert sind.
Im vorliegenden Vortrag sollen zuerst diese Spielarten des „Vergleichens“ skizziert werden, um zu guter Letzt der Funktion und Bedeutung des Ähnlichkeitsdenkens auf den Grund zu kommen, das als geheimes Movens dieses Rituals fungiert und eine Vielfalt von Korrespondenzen und Analogien zwischen den einzelnen Elementen von Texten in Szene setzt.




Sektion C (9) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum E (15:40-16:10)

Ritualisiertes Nicht-Verstehen. Wissenschaftsstil und Textsorten in Japan und Deutschland
DUPPEL-TAKAYAMA, Mechthild (Keio-Universität, Tokyo)

Bereits 1981 erschien ein Essay des norwegischen Wissenschaftstheoretikers (und Friedensforschers) Johan Galtung über „sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft”,1 das bis heute gerne zur Frage des intellektuellen Stils in verschiedenen Kulturen zitiert wird. Galtung stellt darin fest, dass die Stärke des „nipponischen Stils” in der Thesenproduktion liege, seine Schwäche in der Theoriebildung. Gerade letztere sei eine besondere Stärke des „teutonischen Stils“, der wiederum Schwächen in der Thesenproduktion zeige.
Offensichtlich sind es diese genau diametralen Charakteristika, aus denen die diffuse Unzufriedenheit deutscher und japanischer Geisteswissenschaftler mit der Arbeit ihrer jeweils ausländischen Kollegen resultiert, kritisch gesteigert in abschätzigen Urteilen wie: „Ein zu langer Japanaufenthalt verdirbt für die deutsche Wissenschaft“ bzw. „Wer zu lange in Deutschland war, formuliert seine Aufsätze zu deutsch.“
Paradigmatisch tritt das Problem in der Germanistik zutage: Trotz gemeinsamer Thematik verlaufen Fachdiskussionen mit japanischer und deutscher Beteiligung für beide Seiten häufig unbefriedigend. Die Irritationen werden kaum jemals hinterfragt, sondern fatalistisch als immer wiederkehrendes, geradezu ritualisiertes Nicht-Verstehen registriert. Und in der Tat scheint das Nichtverstehen, das Aneinandervorbeireden unausweichlich, bedeuten Galtungs Thesen auf die Praxis bezogen doch, dass in Japan eher Beschreibungen des Forschungsgegenstands vorgenommen, in Deutschland dagegen Erklärungen angestrebt werden.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die schriftlichen Formen wissenschaftlichen Arbeitens? Was bedeutet es, „deutsch“ zu formulieren, und welche Merkmale sollte ein japanischer Text dagegen aufweisen? Ausgehend von der Annahme, dass sich die Differenzen im Denkstil direkt gespiegelt im Schreibstil wiederfinden, werden die Textmuster zweier Gruppen von Textsorten analysiert, die als typisch für die japanische bzw. deutsche Studien- und Wissenschaftspraxis angesehen werden können: sotsugyou ronbun und Hausarbeit sowie auf der Stufe der wissenschaftlichen Veröffentlichung die Textsorten ronbun und Zeitschriftenaufsatz.          

 1 Johan Galtung: Structure, culture and intellectual style. An essay comparing saxonic, teutonic, gallic and nipponic approaches. In: Social Science Information 20, 1981, S. 817-856. Deutsch in: Leviathan 11, 1983, S. 303-337 (Struktur, Kultur und intellektueller Stil: Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft).



Sektion C (11) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum E (17:15-17:45)

Kommunikationsrituale und soziale Identität
BEDNARSCH, Roland (Tamkang-Universität, Taipei)

Ritualisierung ist eine Dimension oder Ebene des kommunikativen und sozialen Handelns überhaupt. Kommunikationsrituale sind historisch gewachsen, wandelbar, politisch sanktioniert, normiert und sowohl charakterisierend als auch identifizierend.
Ritualisierung findet statt, wann immer Handlungen sich von anderen differenzieren und abheben, besonders aber immer dann, wenn soziale Grenzen zur Debatte stehen, wenn ein sozialer Umbruch stattfindet und wenn normale Kommunikation scheitert. Dann wird soziale Interaktion auf eine andere, die ritualisierte Ebene verlagert.
So fördern Kommunikationsrituale die Entstehung von Identitäten, ermöglichen die soziale Kategorisierung der Kommunikationspartner und konstituieren getrennte Sprachwelten innerhalb einer Sprache. Sie resultieren aus dem Bedürfnis nach Abgrenzung und Identifizierung, nach Unterscheidung und Unifizierung. Ritualisierte Kommunikation ist notwendig für die Selbstdarstellung und Selbstidentifizierung im Prozess sozialer Interaktion.
Verschiedene kommunikative soziale Stile sind Mittel zum Ausdruck von sozialer Präsenz und dienen als Instrumente in den sozialen Auseinandersetzungen. Der stilisti-sche Formulierungsmodus hat semiotischen Charakter und weist sowohl „Inhaltsseitiges“ als auch „Ausdrucksseitiges“ auf.




Sektion D (12) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum F (14:30-15:00)

Rituale und Literatur in der höfischen Kultur des europäischen Mittelalters
STROHSCHNEIDER, Peter (Universität München)

Das Referat stellt zunächst in sozusagen kommunikationspragmatischer Perspektive einige prinzipielle Bestimmungen von Hof und poetischer Kommunikation im europäischen Hoch-mittelalter vor. Es kommt sodann an einem konkreten Textbeispiel aus dem „Rappoltsteiner Parzival“ von Claus Wisse und Philipp Colin (nach 1331) auf das zu sprechen, was ich eine für die volkssprachige Literatur des laikalen Adels kennzeichnende Kompaktheit nennen möchte, nämlich historisch fremde Konfigurationen der Entdifferenzierung von Erzählinhalt und Erzählakt, von Text, Schrift und Codex. Hieran schließen in einem dritten Argumentati-onsschritt Überlegungen zur Koppelung von höfischem Integrationsritual und höfischem Text an, welche schließlich zu Thesen über den Status der volkssprachigen Erzählliteratur im Rahmen höfisch-aristokratischer Konsoziation und über Statusänderungen im Vorgang der schriftlichen Überlieferung führen.




Sektion D (13) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum F (15:05-15:35)

Blick-Kontakte in der mittelhochdeutschen Literatur
KERN, Peter (Universität Bonn)

Wie konventionalisierte Begrüßungsrituale, wie Körperhaltungen, Gesten der Freude oder der Trauer gehören auch die Blick-Kontakte zum ritualisierten Zeichensystem der Körpersprache. Sie spielen in der mittelalterlichen Literatur (aber nicht nur dort) vor allem als Verständigungsmittel zwischen Liebenden eine prominente Rolle, in der erzählenden Dichtung gleichermassen wie in der Lyrik. Die Zeichensprache der Blick-Kontakte ist auch für die Umstehenden dekodierbar; sie muß deshalb mit Vorsicht verwendet werden, wenn das Einverständnis der Liebenden für andere verheimlicht werden soll. So ist es etwa im 'Tristan'-Roman Gottfrieds von Strassburg und in der Roman-Fortsetzung Heinrichs von Freiberg, aber auch im Minnesang, zumal im Zusammenhang mit der 'huote'-Thematik (z.B. beim Kürenberger oder bei Walther von der Vogelweide), und in der Minnelehre der Sangspruchdichter (z. B. bei Frauenlob). Auf diese Texte will ich mich in meinem Vortrag konzentrieren.




Sektion D (14) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum F (15:40-16:10)

Zum Ritual in der waka-Dichtung
Robert F. Wittkamp(Kansai-Universität, Osaka)

„Lyrik“, schreibt Wolfgang Braungart, „ist in ihrer ästhetischen Struktur rituell, weil die das Ritual mitdefinierenden Kriterien (Wiederholungsordnung, ästhetische Inszenierung, Heraushebung, Steigerung) eine besondere Rolle spielen, unabhängig von inhaltlichen und thematischen Bezügen, die es aber natürlich auch geben kann [...].“ In seiner Studie Ritual und Literatur setzt sich Braungart mit moderner Literatur auseinander, aber um wieviel mehr mag seine Feststellung wohl für die waka-Dichtung gelten? Hierfür spricht allein schon die feste Form von einunddreißig Moren, eine bereits seit über tausend Jahren bestehende hochritualisierte Form. Jeder, der an einem der zahlreichen regelmäßig veranstalteten waka-Treffen teilnimmt, wird wohl auch dort den stark ritualisierten Ablauf registrieren und bestätigen können.
In meinem Vortrag möchte ich die waka-Forschung mit der Ritualforschung zusammenbringen und hierzu einige Möglichkeiten aufzeigen. Anhand der Forschung zum Volkslied im Kojiki oder Nihon shoki und zur waka-Dichtung Man'yoshu (Tuchihashi Yutaka, Furuhashi Nobuyuki u.a.) werde ich die Herkunft der waka-Dichtung mit der wesentlichen Rolle von Ritualen in Verbindung bringen (unter den Aspekten: Wiederholungen, Landschaft, kunimi-Dichtung), wobei ich die Forschung Jan Assmanns zum kulturellen Gedächtnis einbeziehe. Da es sich hier nicht um die moderne ausdifferenzierte Gesellschaft handelt, sondern um eine Gesellschaft vom Übergang ritueller zu textueller Kohärenz (J. Assmann), orientiere ich mich bzgl. des Ritualbegriffes neben Assmann an dem Ethnologen Stanley J. Tambiah.
Anders verfahre ich jedoch bei einem weiteren Aspekt von Ritualität in der waka-Dichtung, das ich am Beispiel des mittelalterlichen Dichters Saigyo verdeutlichen möchte. Saigyo – und mit ihm noch viele andere Künstler des „Rückzugs aus der Gesellschaft“ (tonsei, inja bungaku) verdeutlichen m.M.n. das, was Victor Turner aufbauend auf Arnold van Genneps Übergangsrituale in seiner Studie Das Ritual im Spannungsfeld von Schwellenzustand und Communitas beschreibt. Im Rahmen eines längeren Aufsatzes habe ich mich bereits ausführlich mit diesem Thema auseinandergesetzt, es allerdings weniger unter dem Aspekt „Ritual“ behandelt, sondern Saigyos „Schwellenzustand“ im Rahmen einer Mentalitätsgeschichte (zum Thema: hyohaku) beschrieben. Was ich damals nur andeutete, möchte ich hier weiter ausführen. Insgesamt geht es mir auch darum, für die waka-Forschung neben Semantik und Hermeneutik noch andere Fragestellungen aufzuzeigen.
Soweit es der Umfang meines Vortrages zuläßt, möchte ich dazu auch die gegenwärtige deutschsprachige Ritualforschung (Christoph Wulf, Hans-Georg Soeffner, Ludwig Jäger etc.) einbeziehen



Sektion D (16) / Erster Tag:   9. Oktober 2005
Raum F (17:15-17:45)

Verstehensrituale im Schreibunterricht? Was denkt der Lehrer, was macht der Lerner?
OHTA, Tatsuya (Keio-Universität, Shonan-Fujisawa-Campus, Tokyo )

Beim Schreibtraining ist es oft der Fall, dass die von den Lernern geschriebenen Texte vom Lehrer eingesammelt, korrigiert und mit Kommentaren versehen wieder zurückgegeben werden. So können die Lerner zwar erfahren, was in ihren Texten falsch war und wie es richtig heißen sollte, aber nicht, wie sie eigentlich einen guten Text schreiben können. Oft nimmt der Lehrer an, dass er an den Texten der Lerner die Ursache ihrer Fehler einsehen könne, weil er aus Erfahrung ungefähr wisse, was für Fehler die Lerner oft machen und was sie dazu führt. Diese routinierte Interpretation von Lernerverhalten durch den Lehrer kann als Verstehensritual gefasst werden. Doch inwieweit versteht der Lehrer eigentlich den Schreibprozess der Lerner? Spiegelt das, was der Lehrer zu wissen glaubt, wirklich das Verhalten der Lerner wider? Diese Fragen können erst durch eine empirische Untersuchung beantwortet werden. In diesem Sinne ist es notwendig, die Wertigkeit der Verstehensrituale im Schreibunterricht empirisch zu prüfen, um eine gemeinsame wissenschaftliche Basis für eine weitere Diskussion zu bilden.
Ich möchte daher eine von mir durchgeführte empirische Untersuchung des Schreibprozesses japanischer Deutschlernender vorstellen. Im Verlauf dieser Studie wurde aufgezeichnet, wie japanische Deutschlernende zu einem bestimmten Thema einen Aufsatz schreiben und dabei „laut denken“. Das Gesprochene wurde transkribiert und von verschiedenen Perspektiven her analysiert. Dadurch wird u. a. klar:

- Welche Strategien werden (nicht) benutzt?
- Wie groß sind die Einheiten, in denen übersetzt wird?
- Wie wird die Zeit in Phasen, in denen inhaltliche, grammatische und technische Über­le­gungen gemacht werden, eingeteilt?

Ein Teil der Ergebnisse dieser Untersuchung wird in meinem Beitrag vorgestellt.



Sektion E (17) / Zweiter Tag:: 10. Oktober 2005
Raum E (10:00-10:30)

Wie fest sind die Rituale der „Fashions of Speaking“? Ein deutsch-japanischer Vergleich auf sprachtypologischer Grundlage
OGAWA Akio, (Kwansei-Gakuin-Universität)

Der amerikanische Sprachanthropologe Benjamin Lee Whorf spricht von „Fashions of Speaking“, die für jede Sprache verschieden seien. Der Grundgedanke dazu findet sich bereits im Humboldt’schen Begriff der „inneren Sprachform“, die sozusagen als Gussform den einzelnen Sprachen zugrundeliegt. Die Fashions of Speaking kann man mithin als Rituale auffassen, die den Sprachzeichen ihre linearen Zusammensetzungsregeln und ihren weiteren Aufbau vorschreiben. Als Rituale können sie allerdings im Sprechen selbst unterlaufen werden gerade dann, wenn es dem Sprecher um eine nuancierte Akzentuierung geht, die sich in der bewußt vollzogenen Entritualisierung der Fashions of Speaking zu erkennen gibt.
In diesem Zusammenhang ermöglicht die Sprachtypologie, die das Typenspezifische (Individualitäten) und das Typenübergreifende (Universalien) aufzudecken oder gar zu begründen versucht, gewiss Antworten darauf, was unter sprachbezogenen Ritualen zu verstehen ist und ob bzw. wie einzelsprachlich prägende, spezifische Züge entritualisiert werden können.
Auf der Basis grundlegender sprachtypologischer Erkenntnisse mit Schwerpunkt auf dem Kontrast Deutsch - Japanisch werden in meinem Vortrag unterschiedliche Typen des Satzbaus (Syntax) und deren kognitiv-semantische Strukturen sowie pragmatische Effekte behandelt. Ausgehend von der immer wieder herangezogenen, längst etablierten Gegenüberstellung „Tun-Sprache“ vs. „Werden-Sprache“ (Hartmann, Martinet, Ikegami etc.) soll insbesondere erörtert werden, welchen Stellenwert die grammatische Person jeweils innehat. Die zentrale Frage ist dabei, in welcher sprachlichen Darstellung einer Sprache die Person stark hervorgehoben, hintergründig eingebettet oder gar ausgeblendet wird. Wenn beispielsweise eine Person in einer bestimmten Situation und einer bestimmten Sprache entgegen den Fashions of Speaking dieser Sprache grammatisch dargestellt werden soll, bedarf dies eines Entritualisierungsprozesses. In einer anderen Sprache mag derselbe Vorgang in einer vergleichbaren Situation normal oder gar obligatorisch und somit fest ritualisiert sein. Dort vollzöge sich eine Entritualisierung, wenn die betreffende Person nicht grammatisch zum Ausdruck gebracht würde.
Schließlich möchte ich zeigen, wie Syntax, Semantik und Pragmatik organisch zusammenhängen und so den Kern von Sprachtypen bilden, wie sie deren jeweilige Fashions of Speaking determinieren (Ritualisierung), und welche Möglichkeiten der Entritualisierung sich bieten.



Sektion E (18) / Zweiter Tag:: 10. Oktober 2005
Raum E (10:35-11:05)

„Hiermit erkläre ich Sie kraft Gesetzes für rechtmässig verbundene Eheleute.“ Eine kontrastive Studie zum „rituellen“ Sprechakt
TANAKA, Shin (Universität Chiba)

Wenn man spricht, vollzieht man einen Akt. Und umgekehrt werden gestisch vollzogene Akte oft mit sprachlichen Formeln ‚besiegelt’. Besonders bei Ritualen spielt die Sprache eine entscheidende Rolle. Bei der Schiffstaufe etwa ist neben dem Zerschlagen der Champagnerflasche am Bug der Satz „Ich taufe Dich auf den Namen ...“ ein unerlässlicher Teil der Zeremonie. Auch die Eheschließung wird erst durch das Wort des Pfarrers bzw. des Standesbeamten „ich erkläre Sie ...“ rechtskräftig. Diese Art eines “rituellen” Gebrauchs der Sprache ist weit verbreitet:
(1) Ich verspreche, dir immer beizustehen.
(2) Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich …
(3) Ich gratuliere Ihnen zum Geburtstag!

In diesen Beispielen werden verschiedene Akte vollzogen, indem die entsprechenden „performativen“ Verben gebraucht werden.
In meinem Beitrag unternehme ich den Versuch, die Rolle der Sprache im Ritual kontrastiv zu untersuchen. Der Vortrag wird zeigen, dass gerade in dieser Hinsicht Sprachen jeweils unterschiedlich ausgeprägt sind, ebenso wie sich auch die Rituale selbst voneinander unterscheiden: So werden im Gegensatz zum Deutschen die rituellen Sprechakte im Japanischen häufig nicht durch explizite performative Verben durchgeführt, sondern erfolgen meistens implizit, was aus den Übersetzungen der Sprechakte auch hervorgeht.

(1') itsumo kimi-no-mikata-wo suru-yo
immer deine-Seite-Akk machen-Abtönung
(2') minasama, youkoso irasshai-mashi-ta
meine Damen und Herren, gut kommen-honorativ-Perf.
(3') o-tanjoubi, omedetou gozai-masu!
honorativ-Geburtstag honorativ-glück sein-honorativ

In den japanischen Übersetzungen (1') bis (3') fehlt jeweils das performative Verb, mit dem man den Akt (Versprechen, Begrüßen, Gratulieren) im Deutschen durchführt. Eine Übersetzung mit einem expliziten performativen Verb führt entweder zu einem schlechten Übersetzungsjapanisch oder zu einem extrem steifen Ausdruck.
Wir meinen, dass die Beobachtung, dass man im Japanischen einen Akt in erster Linie nicht verbal zum Ausdruck bringt, weniger auf nationale Besonderheiten der japanischen Kultur zurückzuführen ist, also etwa darauf, daß Japan eine „high context society“ im Gegensatz zu Deutschland als „low context society“ sei; vielmehr geht es um eine linguistische Erscheinung, die sich aus den Gegebenheiten der japanischen Sprache ergibt.
In diesem Punkt gelange ich zu derselben Frage wie Herr Prof. Ogawa in seinem Vortrag: Welchen Stellenwert hat die sprachliche Kategorie „Person“? Die Auslegung der „Person“ fällt hierbei allerdings anders aus. Im Deutschen, wo das Drei-Pol-Modell à la Organon-Modell von Karl Bühler musterhafte Gültigkeit hat, wird der Sprechakt im Rahmen dieses Dreier-Modells ablaufen, während im Japanischen, dessen Paradigma der Person in vielen Hinsichten von diesem Dreier-Modell abweicht, der Sprechakt anders vollzogen wird: Etwas pointiert ausgedrückt, wird ein Sprechakt nicht als Akt mit einem Sprecher, einem Adressaten und einem Gegenstand konzipiert, sondern eher als ein Ereignis, dessen Eintreten bzw. Nicht-Eintreten der Sprecher als Sentient gegenübersteht.



Sektion E (19) / Zweiter Tag: 10. Oktober 2005
Raum E (11:10-11:40)

Alltagserzählungen als Rituale intersubjektiver Verständigung
NEULAND, Eva (Universität Wuppertal)

Alltagsgespräche und Alltagserzählungen erscheinen auf den ersten Blick ein unergiebiger Forschungsgegenstand, banal in ihren Erscheinungsformen, bedeutungslos in ihren Wirkungsweisen, allenfalls als phatische Kommunikation bestimmt, erscheinen sie als „leere, erstarrte Rituale“ zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte.
Im Unterschied zur reichen Tradition literaturwissenschaftlicher Erzählforschung sind bislang nur wenige Ansätze linguistischer Analysen konversationellen Erzählens entwickelt worden. Linguistische und literaturwissenschaftliche Narrativik stehen denn auch nahezu unverbunden nebeneinander, obwohl doch Erzähltextanalysen eines der wenigen verbliebenen Bindeglieder zwischen germanistischer Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Didaktik darstellen.
Das mündliche Erzählen als ein sozialer Interaktionsprozess lässt sich jedoch nicht nur als „Mängelexemplar“ von schriftlichen Erzählungen als literarischen Gestaltungsprodukten abgrenzen; vielmehr ergeben sich mannigfache interaktionale, strukturelle und funktionale Kontrastvergleichsmöglichkeiten.
An ausgewählten Beispielen soll ein Einblick in die Interaktionsdynamiken, Gestaltungsformen einschließlich von Dramatisierung und Fiktionalisierung und in die  soziale Bedeutsamkeit konversationeller Erzählungen vermittelt werden. Als Rituale wirken sie in doppelter Weise: und zwar als Kommunikation durch Rituale (Einleitungs- und Schlussformeln, feststehende Wendungen, Textmuster) als auch als Kommunikation von Ritualen (Kommunikation persönlicher Erfahrungswerte und deren Transformation in sozial geteilte Erfahrung). Insofern tragen gerade die flüchtigen Alltagserzählungen zur selbstvergewissernden Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit bei.



Sektion F (20) / Zweiter Tag:: 10. Oktober 2005
Raum F (10:00-10:30)

Von Aufklärung und Bann des Opfers im „König Ödipus“
YAMAMOTO, Jun (Gijyutsu-Kagaku-Universität, Toyohashi)

Das Opfer im eigentlichen Sinne des Wortes ist ein Ritual. Wo das Ritual stattfindet, scheinen bestimmte Kräfte mit bestimmten Wirkungsmechanismen am Werk zu sein, die es die Menschen ausführen lassen. Von der Sicht des Rituals, zumal des Opferrituals, her gesehen erscheint die menschliche Geschichte einerseits als die der Versuche einer Befreiung davon, deren jeder Schritt als eine Art Aufklärung aufgefasst werden kann. Diese Bezeichnung verdient besonders der Versuch, der kraft der menschlichen Intelligenz gemacht wird. Andererseits findet man auch heute noch reale Vorgänge, anläßlich derer man Grund hat, von Opfer zu sprechen. Im folgenden soll eine Geschichte aus der Antike untersucht werden, die als eines der frühesten Dokumente der genannten Problematik aufgefasst werden kann.
Der Stoff der Analyse ist der berühmte „König Ödipus“ von Sophokles. Da tritt der Held aufgrund seines einstigen klugen Sieges über die Sphinx von Anfang an als stolzer Aufklärerkönig auf, der sich aber anläßlich eines neu aufkommenden Rätsels als nichts wissender Mann entlarvt. Er muß erkennen, daß die vorsorgliche Flucht vor dem sein Schicksal ankündigenden Orakelspruch den Weg in den Untergang bedeutete, daß seine scharfe Waffe des Denkens nichts nutzte und seine Bestimmung zum Opfer sich doch durchsetzte. Aber das Ende des Dramas scheint nicht nur den überwaltigenden Sieg der göttlichen Übermacht über den Menschen darzustellen, sondern vom letzten Versuch des Helden zu erzählen, wie man die Katastrophe lebt. Denn die vernichtende Selbsterkenntnis führt anstatt des Todes des Ödipus zu einer Opfertat der Selbstblendung. Die Katastrophe besteht also nicht nur im Geopfert-werden, sondern in dessen Umkehrung: Sich-selbst-opfern.
In der behandelten Geschichte erweist sich der Sieg der Aufklärung als ein Scheinsieg. Der aufgeklärte, eigentlich halb-aufgeklärte Held verfällt jenen von ihm bekämpften Kräften und Mechanismen in einer neuen, weniger sakralen Weise. Man könnte sagen: der Bann des Opferzusammenhangs wirkt noch, ohne von der Aufklärung gebrochen zu werden. Es lassen sich nun Fragen stellen: worin bestehen die Ohnmacht der Aufklärung und die Macht jenes Banns, wie verhält er sich, und was erzählt der letzte Versuch des Helden?
Ich versuche „König Ödipus“ als eine Geschichte der scheiternden Aufklärung und des restaurierenden Opferzusammenhangs zu interpretieren, indem ich das Drama nach den jetzt angedeuteten Anhaltspunkten analysiere.



Sektion F (21) / Zweiter Tag:: 10. Oktober 2005
Raum F (10:35-11:05)

Rituelle Sinnstiftung bei Adalbert Stifter
BOLTERAUER, Alice (Universität Graz)

Im Werk Adalbert Stifters (1805-1868), vor allem in seinem mittleren und Spätwerk, nehmen Rituale und ritualähnliche Handlungen und Sprechweisen einen breiten Raum ein. Zum Großteil bestehen diese späteren Erzählungen aus langen Auflistungen und detailreichen Beschreibungen meist sehr banaler Alltagshandlungen wie Begrüßungen, Verabschiedungen, Danksagungen, Beschenkungen, Auf- und Absperrungen. Besuche werden zu umständlichem Zeremoniell, gemeinsame Mahlzeiten zu aufwendigen Manifestationen funktionierender Solidarität. Als „Interaktionsrituale“ hat der amerikanische Soziologie Erving Goffman diese Handlungen bezeichnet und dargelegt, wie wichtig die „richtige“ Durchführung dieser Alltagshandlungen für das individuelle Selbstverständnis und den sozialen Zusammenhalt ist. An diesen Befund lässt sich anknüpfen. Denn die rituellen Formen, die sich im Werk Stifters beobachten lassen, sind nicht Selbstzweck, sondern dienen hauptsächlich der Stiftung von Identität und Kontinuität, fungieren als suggestive Modi der Sinnbehauptung.
Das überrascht, wenn man sich die ganz frühen Texte Stifters vor Augen hält, in denen Lebendigkeit, Offenheit und Spontaneität als Garanten für ein erfülltes Leben erscheinen und alle Konvention, alles Zeremoniell als lebenseinengend und -einschränkend empfunden wird. Und doch ist es eben das Unberechenbare wilder Leidenschaft, das den Wandel einleitet. Denn so wie in den ersten Erzählungen (fast) alle Liebesschicksale tragisch enden (müssen), so wie der Aufruhr des ungezügelten Herzens scheinbar immer im Desaster enden muss, so erweist es sich als notwendig, dem ungestümen Wollen des Subjekts Einhalt zu gebieten. Das Ritual ist ein Mittel dazu. In der Einsicht in die lebensbewahrende Kraft ritueller Alltagshandlungen erfahren die Protagonisten (und Leser), dass ihre eigentliche Selbstverwirklichung nicht im Ausleben ihrer Begierden und Wünsche liegt, sondern in Selbstdisziplin und Rücksichtnahme.
So wie im mittleren Werk Stifters das Ritual dazu eingesetzt wird, das Chaos zu beherrschen oder den Bruch der kosmischen Ordnung wieder zu kitten, so stellt sich das Ritual im Spätwerk als Inbegriff einer erreichten Harmonie dar, die freilich nur utopisch zu verstehen ist. Das Ritual dient hier dazu, einen Sinn zu behaupten, der de facto nicht mehr auszumachen ist, der nur noch mit rituellen Mitteln „beschworen“ werden kann. Das Ritual soll also dabei helfen, all das Realität werden zu lassen, was nach Stifter als erstrebenswert angesehen werden muss: Identität, Sozialität, Kontinuität. Das Ritual fungiert als Garant für ein Sinnbegehren, dessen Brüchigkeit allerdings nicht verborgen bleibt.




Sektion F (22) / Zweiter Tag:: 10. Oktober 2005
Raum F (11:10-11:40)

Differenzen in der Reflexion von Ritualen – Ein Vergleich zwischen der chinesischen Verfilmung Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten vom Jahre 2004 und der amerikanisch-deutschen Verfilmung derselben Novelle vom Jahre 1948
ZHANG, Yi (Renmin-Universität China, Beijing)

Vor einigen Jahren wurde Stefan Zweig als „ehedem weltberühmter, inzwischen aber halb verschollener Schriftsteller“ bezeichnet. Aber heute hat er endgültig seinen Platz in der Weltliteratur gefunden. Der europäische Kulturmarkt wurde mit Bühnenaufführungen, Fernsehsendungen, Filme, Hörspiele, dramatischen Vorlesungen (auf Tonkassetten und CDs, vom Radio oder von der Bühne), Dokumentarfilmen, Einpersonenstücken und sogar einer Oper und einem Ballett fast überschwemmt, die auf Zweigs Leben und Werk basieren. Er wird gelesen, mehr denn je und in mehr und mehr Räumen dieser Erde, vor allem in Asien von der europanahen Türkei bis zum fernen China, wo er ohne Zweifel der meistgelesene und übersetzte deutschsprachige Schriftersteller zählt. Viele Übersetzungen seiner Werke, vor allem seiner Novellen erlebten in den letzten 10 Jahren mehrere Auflagen. Auch eine Reihe von Verfilmungen seiner Werke belegt, wie sehr Zweigsche Motive die Verfasser von Filmdrehbüchern inspirieren. In ihrem neuesten Film, der im November 2004 auf dem Filmfest von San Sebastian mit einer silbernen Muschel für die beste Regie ausgezeichnet wurde, beschäftigt sich die junge chinesische Regisseurin Xu Jinglei mit der Novelle Brief einer Unbekannten von Zweig, die sich bei chinesischen Lesern große Beliebtheit erfreut. Dieser Film hat ein neues Zweig-Fieber in China erweckt und dem österreichischen Schriftsteller zu einer größeren Popularität verholfen.
Mein Vortrag beschäftigt sich mit dem Vergleich zwischen der chinesischen Verfilmung Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten vom Jahre 2004 (R: Xu Jinglei, DB: Xu Jinglei) und der amerikanisch-deutschen Verfilmung derselben Novelle vom Jahre 1948 (R: Max Ophuls, DB: Howard Koch), indem diskutiert wird, inwieweit die Regisseuren durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Ritualen der unterschiedlichen Kulturräume (In der chinesischen Verfilmung wird die Handlung nach Beijing in den 1930er und 1940er Jahren verlegt, während die amerikanisch-deutsche Verfilmung dem originalen Ort der Handlung treu bleibt.) ihr individuelles Zweig-Verstehen und ihre eigenen Interpretationen der Novelle zum Ausdruck bringen, damit die Zuschauer auf diese besondere Weise Zweig und sein Werk besser verstehen könnten. Dem Vortrag widmet besondere Aufmerksamkeit darauf, wie Xu Jinglei eine möglichst authentische Stimmung des damaligen Beijing und der damaligen Zeit in ihrem Film zu erzeugen versucht, wobei das Wesentliche der Zweigschen Novelle bei der Adaption nicht verloren geht. Als anschauliche Belege der Argumentierung wird der Vortrag begleitet bei einigen Szenen aus den beiden Filmen.
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